Stille Nacht? Unheilige Nacht!
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Nachtschwester Bettina rannte zum wiederholten mal ins Einzelzimmer von Frau Buschkamp. Die kardiologische Station des urbanen Klinikzentrums erleuchtete und -schallte nämlich gerade ebenso zum wiederholten mal in blendenden Geräuschen und kreischenden Lichtern. Ich hob meine Augenlider zu nicht mehr als 40% und öffnete recht unmotiviert meine Ohren in die zugehörige Richtung. Diese Nacht... An Schlaf war nicht wirklich zu denken. Warum? Das lässt sich in kurzen Worten zusammenfassen: wie schon erwähnt spielten die Elektroden an Frau Buschkamps nicht mehr ganz jugendlichem Körper - spätestens seit sie sich unfreiwillig auf dem nächtlich benebelten Weg zur Toilette von ihnen befreit hatte - Kirmes mit dem gesamten Stationsgang. Dazu kam noch, dass die zwei noch weniger jugendlichen Veteranen zu meiner rechten auch ohne einen Tropfen Benzin für die Kettensäge in der Lage gewesen wären, nicht weniger als den gesamten Schwarzwald in nur einer halben Nacht zu Fall zu bringen. Selbst war ich jedoch nicht viel besser: mein Körper ließ sich ohne Kontrollmöglichkeit meinerseits nicht dazu überreden, auch nur halbwegs adäquate Vitalzeichen auf die Reihe zu bringen. Auf deutsch: mein Blutdruck hätte ohne Probleme für 2 Hansa-Pils-schlürfende Hells-Angels-Lederjacken-tragende Harley-Davidson-Goliaths ausgereicht. Und dass mein Puls schon allein der zuvor beschriebenen Geräuschkulisse entsprechend an die 200er-Grenze tendierte stand außer Frage. Dumm nur – ja, fast ungerecht - dass bereits das Erreichen des Wertes 90 mit einem anfangs noch ausdauernden lauten, bei erreichen einer regelmässigen Wiederholung der Überschreitung im 2-Minuten-Takt sehr bald jedoch dezent leiser werdenden Piepsen Schwester Bettina auf die Nerven ging. Aber selbst wenn diese Geräuschkulisse nicht gewesen wäre: meinen Schlaf hätte das keinesfalls einfacher gemacht. Immerhin trug ich Thrombose-Strümpfe, und auf meiner rechten Lende „ruhte“ ein in ein Handtuch gerollter Sandsack. Nein, ich wollte nicht bereit sein bei einer eventuell aufkommenden Flut sofort als Dammbauer in die Bresche zu springen. Er hatte einen ganz anderen Zweck: eine Wunde an eben dieser Stelle zu Heilungszwecken zusammenzupressen, die mir nur wenige Stunden zuvor absichtlich zugefügt wurde, um nichts anderes zu tun als einen meterlangen Katheter durch meine Schlagader zu stopfen und in den Kranzgefäßen meines Herzens herumzustochern. Weil ich jedoch nicht der Mensch bin, der andere gern psychisch belastet, sondern eher dazu tendiere jeder Situation etwas Positives abzugewinnen, lehnte ich mich in mein Krankenhausbett zurück, konzentrierte mich darauf ruhiger zu atmen um meinen Puls herunterzutreiben, und ließ halbwegs entspannt weitere Eindrücke auf mich einprasseln. So fiel mir zum Beispiel auf, dass mein am Fenster liegender Zimmergenosse zu weit mehr in der Lage war, als einfach nur zu schnarchen. Nahezu melodiös klangen die gutturalen Laute, teilweise sogar nach mehreren Melodien übereinander geschnarcht. Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn diese Geräusch-Kakophonie nächste Woche als polyphoner Klingelton im Monatspaket von Jamba angeboten würde. Auf sowas warten die doch nur. Etwas über eine Stunde später als erwartet – es war also nahezu 2 Uhr in der Früh – erschien dann die diensthabende Ärztin um mich aus meinem Pampers-artigen Druckverband-Gefängnis zu befreien. Nachdem sie mich (oder besser: mein Bett) mit einer gekonnten Bewegung noch im Hereinkommen flachlegte, erwarteten mich zwei Überraschungen. Zum einen starrte mich von unter der Bandage ein blauer Fleck mit den Ausmaßen des kaspischen Meeres an. Nicht wirklich ästhetisch. Zum anderen kam nach dem Nachlassen des Drucks das Gefühl in meinen Oberschenkel zurück. In diesem Fall emittierte die ehemals punktierte Arterie das Gefühl eines seit 2 Tagen überfüllten Samenleiters. Aua! Durch diesen Schmerz hatte sich mein ständiger Begleiter nahezu auf einen Level mit der ihn umgebenden Hautpartie zurückgezogen. Gut, die einzige die ihn in diesem Zustand sah war eine ÄrztIN, also nicht weiter wild. Viel wichtiger war mir daran die Erkenntnis, dass ich wohl offensichtlich nicht mit Erregung auf Schmerzen reagierte. Ein Wissen, mit dem ich Experimente in dieser Richtung nun vernachlässigen kann, was mir unter Umständen vieeeel Geld sparen wird. Nach meiner Befreiung legte ich mich für diese Nacht endgültig zur Ruhe, schaltete meine Ohren auf Durchzug und griff mir aus verzweifeltem Kuscheldrang den immer noch in meinem Bett liegenden Sandsack. Keine Mühe gab ich mir jedoch dabei, eine Schlafposition einzunehmen in der ich mit möglichst niedriger Wahrscheinlichkeit selbst anfangen würde zu schnarchen. Denn zu meinem Bedauern hatte ich eins in dieser Nacht gelernt: Wer Lautstärke bieten kann und sie nicht gegen seine Mitmenschen einsetzt ist selbst schuld. Denn von den anderen ist auch keine Rücksicht zu erwarten.
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